Syrien im Fadenkreuz des türkisch-israelischen Wettbewerbs: Hat der Kampf um die neue regionale Ordnung begonnen?

آدمن الموقع
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Geostrategisches Studien-Team  
Syrien ist längst nicht mehr nur ein offenes Feld für konkurrierende regionale und internationale Akteure. Das Land entwickelt sich zunehmend zu einem der wichtigsten Schauplätze im Ringen um die künftige regionale Ordnung im Nahen Osten. Nach Jahren des Krieges, in denen syrisches Territorium zum Schauplatz zahlreicher Interventionen wurde, zeichnet sich nun eine neue Phase ab. Ihr zentraler Ausdruck ist der wachsende Wettbewerb zwischen der Türkei und Israel um Einfluss, militärische Präsenz und die Frage, welche Macht die sicherheitspolitische Architektur Syriens und damit einen Teil der regionalen Ordnung prägen wird.
Die gefährlichste Entwicklung in diesem Zusammenhang ereignete sich am 18. August, als Israel acht Luftangriffe auf den syrischen Luftwaffenstützpunkt Abu al-Duhur im Nordwesten Syriens flog und dabei Start- und Landebahnen sowie Einrichtungen des Stützpunkts angriff. Die Bedeutung der Angriffe liegt jedoch weniger im Ausmaß der materiellen Schäden oder darin, dass keine Opfer gemeldet wurden, sondern in der politischen und militärischen Botschaft. Die Angriffe erfolgten vor dem Hintergrund israelischer Befürchtungen, dass türkische Streitkräfte an dem Stützpunkt stationiert werden könnten. Ankara wies diese Darstellung zurück und verurteilte die Angriffe als Verletzung der syrischen Souveränität und territorialen Integrität.
Noch bedeutsamer wird der Vorfall durch seinen zeitlichen Zusammenhang mit anderen Entwicklungen. Quellen zufolge telefonierte der israelische Mossad-Chef Roman Gofman am 14. August mit dem syrischen Außenminister Asaad al-Shaibani – nur vier Tage vor den israelischen Angriffen. Ein zentrales Thema soll dabei die türkische Militärpräsenz in Syrien gewesen sein, einschließlich türkischer militärischer Unterstützung, Ausrüstung und Drohnen für syrische Kräfte.
Damit scheint die Frage der türkischen Präsenz in Syrien eine neue Ebene erreicht zu haben: Sie ist nicht mehr ausschließlich Gegenstand politischer Auseinandersetzungen, sondern wird zunehmend zu einer unmittelbaren sicherheits- und militärstrategischen Frage.

Syrien ist kein Randgebiet des regionalen Machtkampfes mehr

Die Bedeutung Syriens für die Türkei und Israel ergibt sich nicht allein aus seiner geografischen Lage. Entscheidend ist vielmehr, dass eine dauerhafte Position in Syrien einen erheblichen Einfluss auf die regionalen Kräfteverhältnisse ermöglichen kann.
Für die Türkei ist Syrien die südliche strategische Tiefe ihrer nationalen Sicherheit. Gleichzeitig eröffnet das Land Ankara die Möglichkeit, seinen regionalen Einfluss neu zu gestalten – insbesondere nach dem politischen Umbruch und dem Ende der Herrschaft Baschar al-Assads.
Die enge politische und sicherheitspolitische Beziehung zwischen Ankara und den neuen syrischen Machthabern verschafft der Türkei einen erheblichen Einfluss auf die Bereiche Verteidigung, Sicherheit und den Wiederaufbau staatlicher Institutionen. Eine Ausweitung türkischer Militäranlagen und militärischer Infrastruktur in Syrien wäre daher nicht lediglich als vorübergehende militärische Zusammenarbeit zu verstehen. Sie könnte Teil einer umfassenderen Neuordnung des syrischen Sicherheitsapparates sein. Israel betrachtet diese Entwicklung aus einer völlig anderen Perspektive.
Nach dem Zusammenbruch des früheren syrischen Regimes behandelte Israel die neue Situation nicht einfach als ein Machtvakuum, das sich von selbst stabilisieren würde. Vielmehr betrachtet Jerusalem die entstehende Ordnung als sicherheitspolitischen Raum, dessen Entwicklung frühzeitig beeinflusst und begrenzt werden muss.
Genau deshalb geht die israelische Sorge über die Frage hinaus, wer in Damaskus regiert. Die entscheidende Frage lautet aus israelischer Sicht vielmehr:
Wer verfügt über die militärischen Fähigkeiten, um die syrischen Sicherheitsentscheidungen zu beeinflussen und militärische Strukturen in unmittelbarer Nähe des israelischen Sicherheitsraums aufzubauen?
Aus dieser Perspektive kann der Angriff auf Abu al-Duhur als Botschaft an mehrere Akteure verstanden werden: an Damaskus, an Ankara und möglicherweise auch an jene Kräfte, die derzeit versuchen, die zukünftige Ordnung Syriens zu gestalten.

Ankara bewegt sich auf mehreren strategischen Ebenen

Die türkische Politik gegenüber Syrien lässt sich nicht isoliert von den umfassenderen regionalen Ambitionen Ankaras betrachten. Die Türkei setzt zunehmend nicht auf ein einziges Instrument, sondern verbindet diplomatische Vermittlung, regionale Partnerschaften, militärische Fähigkeiten sowie wirtschaftlichen und politischen Einfluss.

Im Verhältnis zum Iran versucht Ankara, Kommunikationskanäle nach Teheran offenzuhalten und gleichzeitig mit Washington in Kontakt zu bleiben. Gemeinsam mit Ägypten und Pakistan hat die Türkei versucht, diplomatische Wege offenzuhalten und eine weitere Eskalation in der Region zu verhindern.
Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass Ankara das iranische Regime schützen oder über dessen Zukunft entscheiden will. Vielmehr zeigt sich darin der Versuch der Türkei, zu verhindern, dass grundlegende Veränderungen in der regionalen Ordnung stattfinden, ohne dass Ankara selbst eine zentrale Rolle bei ihrer Gestaltung spielt.
Parallel dazu hat die Türkei mit dem am 7. August unterzeichneten Verteidigungsabkommen mit Saudi-Arabien und Pakistan einen weiteren Schritt in Richtung eines umfassenderen regionalen Netzwerks unternommen. Das Abkommen basiert auf dem Prinzip, dass ein Angriff auf einen der drei Staaten als Angriff auf alle drei betrachtet wird, und sieht eine verstärkte politische und militärische Koordination sowie Kooperation unter anderem bei Drohnen, elektronischer Kriegsführung, künstlicher Intelligenz und Rüstungsindustrie vor.
Damit handelt die Türkei in Syrien nicht isoliert. Ihre Syrienpolitik ist Teil eines umfassenderen Versuchs, ihre Position in einer regionalen Ordnung zu stärken, die sich gegenwärtig grundlegend verändert.
Genau an diesem Punkt beginnt Israel, die türkischen Aktivitäten nicht mehr nur als syrische Politik zu betrachten.

Israel steht einer anderen Türkei gegenüber

Das Problem für Israel besteht nicht darin, dass die Türkei Interessen in Syrien besitzt. Diese Interessen sind seit Jahren bekannt. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, dass Ankara seine politischen Interessen zunehmend in militärische und institutionelle Fähigkeiten umwandelt, die die zukünftige Entwicklung des syrischen Staates beeinflussen können.
Je stärker die Türkei den syrischen Sicherheits- und Militärapparat unterstützt und je größer ihre Fähigkeit wird, strategische Militäranlagen zu nutzen, desto größer wird ihr Einfluss auf die künftige Sicherheitsarchitektur Syriens.
Genau deshalb ist jede mögliche türkische Präsenz an strategischen Standorten wie Abu al-Duhur für Israel besonders sensibel.
Der Konflikt dreht sich somit nicht nur um die Frage, wo türkische Truppen stationiert werden könnten. Dahinter steht eine viel größere strategische Frage:

Wer wird künftig die Schlüssel zur syrischen Sicherheitsarchitektur kontrollieren?

Sollte es der Türkei gelingen, eine dauerhafte militärische Präsenz in Syrien aufzubauen, die durch eine enge politische Beziehung zu den neuen Machthabern in Damaskus abgesichert wird, wäre Ankara aus keiner zukünftigen Sicherheitsordnung Syriens mehr wegzudenken.
Für Israel würde dies bedeuten, sich mit einer bedeutenden Regionalmacht auseinanderzusetzen, die über eine leistungsfähige Armee und die Mitgliedschaft in der NATO verfügt – und nicht mehr nur mit einem schwachen und fragmentierten syrischen Staat.
Damit verändern sich die Spielregeln. Israel blickt nicht mehr ausschließlich auf die syrische Grenze als Sicherheitsraum. Es beobachtet zunehmend die Frage, wer das strategische Vakuum füllen wird, das durch den politischen Wandel in Syrien entstanden ist.

Abu al-Duhur: Angriff oder Ziehung einer roten Linie?

Aus dieser Perspektive besitzt der Angriff auf Abu al-Duhur eine größere Bedeutung, als es die militärische Karte zunächst vermuten lässt.
Israel erklärte, Damaskus habe sich möglicherweise darauf zubewegt, eine türkische Militärpräsenz an dem Stützpunkt zu ermöglichen. Die Türkei wies diese Darstellung zurück. Auch Damaskus soll Israel mitgeteilt haben, dass keine Pläne für die Einrichtung einer türkischen Basis an diesem Ort bestünden. Dennoch erfolgte der Angriff.
Daraus ergibt sich eine wichtige Möglichkeit: Israel wartet möglicherweise nicht darauf, dass eine türkische Militärpräsenz vollständig etabliert wird. Stattdessen könnte Jerusalem versuchen, die Entstehung einer neuen strategischen Realität bereits im Ansatz zu verhindern.
Sollte sich diese Einschätzung bestätigen, hätte Israel damit begonnen, Grenzen für den türkischen Einfluss innerhalb Syriens zu ziehen.
Für Ankara wäre dies hochsensibel. Die Türkei dürfte kaum bereit sein, israelische Angriffe auf syrische Einrichtungen einfach hinzunehmen, insbesondere wenn diese Einrichtungen mit dem Aufbau des syrischen Sicherheits- und Militärapparats verbunden sind, den Ankara unterstützt.
Deshalb ging die Reaktion der Türkei über eine gewöhnliche diplomatische Verurteilung hinaus. Ankara wertete den Angriff als nicht akzeptable Eskalation. Gleichzeitig bezeichnete der US-Sondergesandte Tom Barrack den israelischen Angriff als unnötige Eskalation. Washington arbeitet inzwischen an einem Mechanismus zur Vermeidung direkter Konfrontationen zwischen der Türkei, Israel und Syrien.
Das zeigt die Dimension des Problems: Washington betrachtet die Entwicklung nicht lediglich als politischen Streit zwischen zwei Partnern, sondern als potenziell militärische Konfrontation, die eingedämmt werden muss.

Wird Syrien zum neuen Schauplatz der Konfrontation?

Das gefährlichste Szenario ist nicht unbedingt ein direkter türkisch-israelischer Krieg. Ein solcher Schritt dürfte derzeit nicht im Interesse beider Seiten liegen.
Wahrscheinlicher und möglicherweise nachhaltiger wäre eine Situation, in der Syrien zu einem Schauplatz einer indirekten und dauerhaften Konfrontation zwischen beiden Mächten wird.
Die Türkei dürfte ihren Einfluss innerhalb der syrischen Institutionen weiter festigen und ihre politischen und militärischen Beziehungen zu Damaskus vertiefen. Israel wiederum wird versuchen, den Aufbau militärischer Strukturen zu verhindern, die es als Bedrohung für seine Sicherheitsinteressen betrachtet.
Damaskus gerät damit in eine äußerst schwierige Lage. Die neue syrische Führung benötigt türkische Unterstützung beim Wiederaufbau staatlicher und militärischer Institutionen. Gleichzeitig kann sie weder die militärische Reichweite Israels innerhalb des syrischen Raumes ignorieren noch den amerikanischen Druck außer Acht lassen, Syrien nicht zu einem neuen Schauplatz einer regionalen Konfrontation werden zu lassen.
Syrien könnte damit erstmals seit Jahren zu einer Arena werden, in der zwei bedeutende Regionalmächte mit modernen militärischen Fähigkeiten unmittelbar um Einfluss konkurrieren – und nicht lediglich zu einem Schlachtfeld, auf dem andere Mächte ihre Konflikte austragen.
Für die Kurden, die Syrischen Demokratischen Kräfte und Nordostsyrien besitzt diese Entwicklung ebenfalls erhebliche Bedeutung. Jede Veränderung im Verhältnis zwischen Ankara und Damaskus, zwischen der Türkei und Israel oder in der amerikanischen Position innerhalb dieser Gleichung wird direkte Auswirkungen auf die künftigen politischen und sicherheitspolitischen Strukturen in Nordostsyrien haben.
Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr nur: Was will Israel von Syrien? Oder: Was will die Türkei von Syrien?

Die entscheidendere Frage lautet: Ist Syrien zum Schauplatz geworden, an dem die Grenzen türkischen und israelischen Einflusses – und möglicherweise die Konturen einer neuen Nahostordnung – gezogen werden?

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